Wien-Donaukanal © Oesterreich-Werbung Foto Volker Preusser
Wien-Donaukanal © Oesterreich-Werbung Foto Volker Preusser

Verwöhnen in Österreich


Unsere südlichen Nachbarn haben es in der Hotellerie zur Weltspitze gebracht. Hier geht es nämlich nicht nur ums Skifahren. Hier geht es um die Kunst der Gastfreundschaft. Sie hat ihren Anfang schon in der Zeit von Ernest Hemingway, schreibt die Wellness-Expertin Natascha Kames für ZEN.


Nach Österreich kam ich als junge Emigrantin in den 80er Jahren auf Umwegen über Schweden und Deutschland. Ich träumte von Amerika, und Österreich mit seinem Status eines „neutralen Landes“ erschien mir als junger Antikommunistin nicht besonders sexy. Doch am Ende landete ich dort, nur ein gedachtes Stück hinter dem Stacheldraht. Warum? Weil es in Österreich einfach… angenehm ist.

In Wien habe ich mich verliebt. Wien ist nämlich anders als die übrigen Großstädte. Und deshalb steht es an ihrer Spitze. Nach der renommierten Erhebung Quality of Living Survey hat es unter 221 Großstädten bereits zweimal den ersten Platz belegt. Kaffeehäuser, Schnitzel, Heurige, Sehenswürdigkeiten, Lipizzaner, Strände an der Donau, niedrige Kriminalität und Grün ergeben nämlich einen Widerspruch: eine Großstadt, die nicht hektisch ist.

Und was ist eigentlich ein Heuriger? Dank des pannonischen Klimas (im Vergleich zu uns kältere Winter und wärmere Sommer mit weniger Niederschlag) und der Lage an der Donau gedeiht die Weinrebe auf 680 Hektar Weingärten, die die Hänge der Wiener Hügel schmücken. Gleich bei ihren Weingärten haben die Winzer ihre eigenen Lokale, die Heurigen. Das Wort bezeichnet jedoch nicht nur die Weinschenke, sondern auch den Wein des aktuellen Jahrgangs, der immer nur bis zum 11. November, dem Martinstag, so genannt werden darf.

Gepriesen sei Kaiser Josef II., der mit dem Dekret vom 17. August 1784 jedem erlaubte, Wein aus den eigenen Weingärten auszuschenken und zu verkaufen. Seitdem haben diese Schenken in Wien nur eine bestimmte Zeit im Jahr geöffnet, und mancherorts wechseln die Betriebe die Öffnungszeiten sogar monatsweise untereinander ab, damit jeder Winzer an die Reihe kommt. Einen echten Wiener Heurigen erkennen Sie an einem zur Straße hin ausgehängten Bund Föhrenzweige und an der Tafel mit der Aufschrift „Ausg’steckt“, die zugleich mitteilt, wann das Lokal geöffnet hat.

Rio an der Donau

Wäldchen, Parks, Gärten und Sportanlagen machen die halbe Stadtfläche aus. Während die Bewohner anderer Metropolen für unberührte Natur weit fahren müssen, genügt den Wienern dafür der öffentliche Nahverkehr oder das Ausflugsschiff Nationalpark Boot, das (von Anfang Mai bis Ende Oktober) auf dem Wiener Kanal vom Stadtzentrum bis in den östlichen Teil fährt, wo sich rund um die Donau der Park Donau-Auen erstreckt. Wien ist nämlich die einzige Millionenstadt der Welt mit einem eigenen Nationalpark.


Die Natur ist dank der Donau, aber auch im Stadtzentrum eine der größten Attraktionen. Es stimmt, dass Wien im Unterschied zu Prag, wo die Moldau durch das Zentrum fließt, ursprünglich nur an der Donau liegt. Doch seit den 70er Jahren, als der Hochwasserschutz so weit verbessert wurde, dass die Stadt keine Überschwemmungen mehr bedrohten, wurde mitten in der Donau über die gesamte Länge der Stadt eine 21 Kilometer lange Insel angelegt. Sie schuf einen parallelen Donauarm, die sogenannte Neue Donau. Es entstanden 42 Kilometer Strände, die aus Wien ein mitteleuropäisches Rio de Janeiro machten. In dieses Eldorado gelangen Sie vom Stadtzentrum, vom Stephansplatz, mit der U-Bahn-Linie U1 in acht Minuten. Und Sie können an den Stränden baden und sich sonnen, segeln, Wasserski fahren oder skaten oder einfach am Ufer entlangspazieren, das voller Bars und Geschäfte ist.

Wien und die Wiener nahmen mich als Mädchen aus dem sozialistischen Lager offener auf als die kühleren Schweden und die selbstbewussten Deutschen. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie das Bedürfnis hätten, in Kasten zu denken, und sie haben einen ähnlichen Humor wie wir. Vielleicht deshalb, weil Wien geografisch noch ein Stück weiter östlich liegt als Prag. „Einen Österreicher nicht kritisieren zu lassen, ist, als würde man ihn kastrieren“, erklärte die bekannte Sexualberaterin Gerti Senger. 

Im Vergleich zu den Tschechen sind die Österreicher allerdings weniger flegelhaft und kommen zum Abendessen im Hotel immer im gebügelten Hemd. Österreich ist von einem gesunden Konservatismus durchdrungen, sodass Korruption und Schlamperei zwar auch dort vorkommen, aber nicht so wuchern wie bei uns, weil man das „einfach nicht macht“. Obwohl die Österreicher nicht besonders arbeitswütig sind, haben sie einen so stabilen Staat geschaffen, dass sie einen der höchsten Lebensstandards in Europa haben. Und wenn die Bewohner von Salzburg einst den Wunsch äußerten, ein Teil Deutschlands zu werden, und Vorarlberg zur Schweiz überzulaufen versuchte, sind nun alle froh, Österreicher zu sein.

Ihre nördlichen Nachbarn mögen die Österreicher, davon bin ich überzeugt. Sicher lieber als die Deutschen oder die Engländer. Von uns weiß man, dass wir ein sportliches Volk sind und den Hoteliers im Winter ordentliche Einnahmen bringen. Wenn wir auf die Pisten aufbrechen, sind wir dort unter den Ersten. Wenn wir Radurlaub machen, können wir Kilometer schlucken. Den Österreichern imponiert, dass wir sportlichen Eifer nicht vortäuschen. Wir benehmen uns nicht so laut wie die Russen, Rumänen oder Deutschen. Und wenn wir zufrieden sind, sparen wir nicht am Trinkgeld. Wie mir ein Kellner sagte: „Ein Deutscher sagt grundsätzlich,ein Bier‘ und ein Tscheche,Bitte, ein Bier‘.“ Übrigens finden auch deshalb immer mehr Tschechen und Slowaken Arbeit in österreichischen Hotels.


Die Tschechen haben den Ruf fleißiger und kultivierter Nachbarn, was die Verflechtung unserer Kulturen natürlich fördert. Strudel, Schnitzel, Knödel und die Leidenschaft für Vorweihnachtsmärkte, all das macht uns zu Brüdern. Die Österreicher kommen immer öfter zu uns in malerische südböhmische Pensionen und zum Golf, weil es sie günstiger kommt.

Große Welt für die Kleinen

Das österreichische Gespür für Behaglichkeit zeigt sich am deutlichsten im Tourismus. Schon vor hundert Jahren, als Ernest Hemingway als einer der ersten Ausländer die Schönheiten des österreichischen Skifahrens entdeckte, erkannten die Menschen in den armen Bergdörfern, dass Gäste wiederkommen, wenn man ihnen dazu guten Service bietet – wie seinerzeit Hemingway. Und so funktioniert es bis heute. An der Stelle der einstigen bescheidenen Berghütten sind riesige Komplexe entstanden. 

Karl J. Reiter, eine Legende der österreichischen Hotellerie, der 1982 in Tirol dank seiner Erfahrungen aus den USA das überhaupt erste Wellnesshotel des Landes eröffnete, sagt: „In den Alpen lebte man bescheiden. Und den Hof erbte immer nur ein Sohn, dabei hatten die Familien damals viele Kinder. Das Geschäft im Tourismus war eines der wenigen Dinge, mit denen man Erfolg haben konnte. Und wir waren gewohnt, hart zu arbeiten.“


Reiters Vater besaß eine kleine Pension, er selbst hat drei Wellnesshotels, und sein Resort im Südburgenland gewann vorletztes Jahr den Preis für das beste Golfhotel. Es handelt sich um zwei verbundene Hotels mit eigener Therme (der größten in Europa), in das eine dürfen keine Kinder und in das andere keine Erwachsenen ohne Kinder. Im ersten finden Sie ein Restaurant mit Michelin-Sternen, im zweiten haben die Kinder ein eigenes Theater, wo sie mit großartigen Betreuerinnen (meist spricht mindestens eine Tschechisch oder Slowakisch) jede Woche ein anderes Stück einstudieren; tagsüber leiten diese Kreativwerkstätten und veranstalten eigene Mittag- und Abendessen im speziellen Kinderrestaurant, und wenn die Kinder nicht spielen, reiten sie im örtlichen Zoo auf einem Pony. 

In einem solchen Hotel haben Sie nicht nur Ruhe vor dem Kind, es lernt auch noch einiges! (In einem anderen Alpenhotel veranstaltet man dagegen Abendessen, bei denen am Tisch aus einer einzigen riesigen Schüssel gegessen wird, damit die Familie, die übers Jahr vielleicht wenig Zeit füreinander hat, möglichst zusammenwächst.)


Mit Kindern trinkt man gratis

Die Wellnesswelle kam in den 80er Jahren aus Amerika nach Europa, und der Tourismus, der ein Fünftel des österreichischen BIP ausmacht, sprang flott auf sie auf. Hervorragende Wellnessprogramme bieten heute Hunderte Hotels an. Es ist schade, dass die meisten Tschechen noch nicht verstanden haben, dass Österreich nicht nur Ski und möglichst billige Unterkunft ist. Wer etwas mehr zahlt und in einem Vier- oder Fünfsternehaus wohnt, begreift mit Staunen, welch vollkommenen Genuss etwa so ein „Saunadorf“ birgt. 

Während Sie in Italien auch in einem guten Hotel eine Sauna haben, die oft etwas riecht, bietet Ihnen ein österreichisches Hotel etwa zehn Saunen. Im Übergossene Alm, einem der Hotels, das die nötigen 85 % der 1600 Kriterien für das renommierte Gütesiegel Best Wellness Hotels Austria erfüllt hat, gibt es ein Dampfbad, eine Kräutersauna, eine Teufels- bzw. extra heiße Sauna, ein Tepidarium (mit beheizten Marmorliegen), ein Caldarium oder ein Laconium im Stil eines klassischen römischen Bades mit Steinbänken und Wänden, die eine Temperatur von 48 °C abstrahlen.

In einem Hotel trainieren und massieren Kung-Fu-Meister, in einem anderen setzt man auf Medical Wellness, sodass man Ihnen etwa während eines einwöchigen Aufenthalts eine Lidoperation durchführt. Anderswo gibt es Lymph-Wellness, was mit anderen Worten ein Diätprogramm bedeutet. Aus einem solchen Hotel fahren Sie nach einer Woche ein paar Kilo leichter ab und um Informationen aus einem Kurs über fettfreies Kochen reicher.

Die besten Hotels erkennen Sie daran, dass ihre Hoteliers großzügig sind. Karl J. Reiter hat in seinem Best Familien Hotel eine Bar und einen Weinkeller, so ausgestattet, dass manches Lokal im Prager Zentrum ihn darum beneiden könnte. Und weil es ein Hotel für Familien mit Kindern ist, mischen sich um zehn Uhr abends in der eleganten Lobby ganz entspannt unvereinbare Welten: Herren sitzen auf Barhockern, zu ihren Füßen tapsen ihre Sprösslinge; hinter Glas liegt eine bestens ausgestattete Raucherecke à la englischer Club. Und an der Bar trinken Sie, wonach Ihnen der Sinn steht. Hier ist der Alkohol im All-inclusive-Preis enthalten. 

Ich traf hier einen Bekannten, von dem ich wusste, dass seine Nachkommen längst erwachsen sind, und sage zu ihm: „Aber hier dürfen Erwachsene ohne Kinder nicht herein.“ Und er darauf: „Man leiht sich einen Enkel und kann hier gratis trinken!“


Autorin des Textes: Natascha Kames

Quelle: E15


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